Missglückter Test – Unvermögen oder Absicht?

schematische Darstellung einer Durchschnittsprämie

zuletzt aktualisiert am 06.09.2016

Wer einen Test zu Berufsunfähigkeitsversicherungen veröffentlicht und für bestimmte Modellkunden konkrete Tarife empfiehlt, übernimmt eine große Verantwortung. Verbraucher wollen diesen Tests unabhängiger Medien vertrauen. Doch ein durchschnittlicher Verbraucher kann nicht erkennen, wenn ein solcher Test wegen handwerklicher und methodischer Fehler zu völlig falschen Ergebnissen kommt. Deshalb veröffentliche ich hier meine Kritik. Selbstverständlich räume ich den kritisierten Parteien auch ein, hierzu öffentlich Stellung zu nehmen.

€uro – das monatliche Wirtschafts- und Anlegermagazin der Finanzen Verlag GmbH – veröffentliche im August 2016 einen durchaus lesenswerten Artikel zu den aktuellen Problemen beim Abschluss einer privaten BU-Versicherung. Allerdings verspricht das Magazin darin unter anderem auch, in einer gesonderten Tabelle die besten Policen für einige Modellkunden aufzuzeigen. Dabei wurde beispielsweise auch ein(e) Jurastudent/in, 23 Jahre mit 1.000 € monatlicher BU-Rente herangezogen. Die Daten hierzu stellte das unabhängige Analysehaus „Franke und Bornberg“ zur Verfügung, die Bewertung erfolgte durch das Magazin „€uro“.

Viele Köche verderben den Brei?

Und obwohl beide Institute zweifellos über eine hohe Fachkompetenz verfügen, enthält der Test nicht nachvollziehbare Fehler und kommt dadurch auch zu den entsprechend falschen Ergebnissen. Natürlich kann ein Außenstehender nicht beurteilen, wer welchen Fehler zu verantworten hat. Aber das sollten die Beteiligten unter sich klären.

So müsste jedem Fachmann sofort auffallen, dass bei dem Beispiel Jurastudent(in) gar keine eindeutige Versicherungs- und Leistungsdauer angegeben ist. Dabei sind Brutto- und Nettoprämie ganz entscheidend von der Versicherungs- und Leistungsdauer abhängig und fließen bei diesem Test immerhin mit einem Drittel in die Gesamtbewertung ein. Wen wundert es da, dass der Tarif „starterVorsorge BU Premium“ der Europa die beste Bewertung erhalten hat? Dieser Tarif kann nämlich nur mit einer Versicherungsdauer bis zum 35. Lebensjahr (Leistungsdauer bis 67. Lebensjahr) abgeschlossen werden und ist damit natürlich innerhalb der ersten 12 Jahre sehr preiswert. Erst danach erfolgt ein Wechsel in den „normalen“ BU-Tarif mit einem deutlich höheren Beitrag.

Ermittlung der Durchschnittsprämien (zu) leicht gemacht.

Eigentlich weiß doch jeder, wie ein echter Durchschnittswert ermittelt wird. Warum werden aber in diesem Test bei 44-jähriger Beitragszahlungsdauer lediglich die Versicherungsprämien aus dem ersten, sechsten und elften Versicherungsjahr zur Durchschnittsermittlung herangezogen? Damit werden BU-Tarife mit reduzierten Anfangsbeiträgen stark bevorzugt – auch wenn später umso höhere Versicherungsprämien fällig werden.

So wurde beispielsweise der Tarif „BU Premium mit Starter-Option“ der Gothaer (mit 12 Jahre Startphase) mit einer „durchschnittlichen“ Bruttoprämie von 23,80 € und einer „durchschnittlichen“ Nettoprämie von 17,10 € angegeben und zum Maßstab der Prämiengesamtwertung. Tatsächlich sind dies aber die niedrigen Beiträge während der 12-jährigen Startphase. Ab 13. Jahr werden Bruttoprämien in Höhe von 65,40 € und Nettoprämien in Höhe von 45,30 € berechnet. Die mathematisch korrekte durchschnittliche Bruttoprämie läge also bei 54,05 € und die durchschnittliche Nettoprämie bei 37,58 € (siehe Grafik oben). Das hätte dann in der Prämiengesamtwertung aber nur für eine mittlere Platzierung gereicht.

Wozu soll also die eigenartige Durchschnittsberechnung dienen? Bewusst oder unbewusst wurden durch die eigenwillige Durchschnittsberechnung Starter-Tarife mit möglichst langer Startphase bevorzugt. Ist das hilfreich für den Verbraucher?

Über die Punktevergabe bei den Zusatzkriterien kann man streiten.

Die vergebenen Punkte bei den Zusatzkriterien flossen ebenfalls mit einem Drittel in die Gesamtbewertung ein. Sicherlich kann man über die Bedeutung der Zusatzkriterien unterschiedlicher Meinung sein. Aber Tarife, die im Rahmen der Nachversicherungsgarantie sowohl auf eine erneute Gesundheitsprüfung als auch auf die Prüfung des dann ausgeübten Berufs verzichten, sollten schon etwas besser bewertet werden. Offenbar wurde dieser Punkt aber ignoriert. Das wäre aber wichtig, denn nicht alle Studenten üben nach Abbruch oder nach erfolgreichem Abschluss des Studiums auch wirklich eine risikoarme Tätigkeit aus.

Und warum wird bei dem Studenten die Umorganisationsklausel nicht bewertet? Er bleibt doch nicht ewig Student. Gerade ein Jurastudent könnte den Schritt in die Selbstständigkeit wagen – und dann wäre eine verbraucherfreundliche Umorganisationsklausel durchaus wichtig.

Unberücksichtigt blieb offenbar auch, welche Tätigkeit bei Studenten als versichert gilt und welche Lebensstellung im Fall einer konkreten Verweisung herangezogen wird.

Erklärungsbedürftig sind auch die teilweise großen Unterschiede bei der Bewertung der Zusatzkriterien innerhalb eines Tarif zwischen Jurastudent/in und angestelltem Bankkaufmann/angestellter Bankkauffrau (z.B. Wiedereingliederungshilfe beim Tarif „SBU - SecurAL Tarif BV 10“ der Alte Leipziger).

An welcher Stelle wurde eigentlich berücksichtigt, wenn ein Versicherer grundsätzlich bei einem Abbruch des Studiums eine Nachmeldung fordert und dann aufgrund der neu ausgeübten Tätigkeit eine Anpassung der Berufsklasse und Prämie durchführt? Dieser Nachteil scheint völlig unberücksichtigt geblieben zu sein.

Fazit:

Obwohl das Analysehaus Franke und Bornberg angeblich bemüht ist, seine Daten und Auswertungen transparent und nachvollziehbar zu gestalten – dieser Test enthält einige handwerkliche Fehler und lässt auch viele Fragen offen. Beide am Test beteiligten Parteien wurden per E-Mail über diesen kritischen Blogbeitrag informiert. Es wäre wünschenswert, wenn sie hierzu Stellung beziehen würden. Aber auch sachliche Kommentare der Leser sind ausdrücklich erwünscht. Übrigens musste ich auch schon die BU-Leistungspraxis-Studie aus dem Hause „Franke und Bornberg“ kritisieren.

2 Kommentare:
Franke und Bornberg (Christian Monke) schreibt am 15.09.2016:
Gerne stellen wir uns den kritischen Anmerkungen zum Test von Berufsunfähigkeitsversicherungen im Magazin €uro aus dem August dieses Jahres. Einleitend sei zum Aufbau des Testverfahrens erläutert, dass sich die Gesamtnote für die dargestellten Produkte jeweils aus drei Teilbereichen zusammensetzt:
  • Dem Ergebnis des allgemeinen Bedingungsratings von Franke und Bornberg,
  • der Höhe der Prämie Brutto und Netto
  • sowie, zur Betonung besonderer berufsspezifischer Aspekte, dem Resultat der Bewertung spezieller Zusatzkriterien.
Der Test vereint also aus unserer Sicht verschiedene Blickwinkel, die allesamt dem Kundeninteresse nach einem gutem und passgenauen aber auch bezahlbaren Versicherungsschutz entsprechen. Die Kritik an dem Testverfahren konzentriert sich auf die Darstellung der Ergebnisse für den Musterfall einer Studentin.

Da der Test sowohl spezielle Starter-Tarife mit systematisch ansteigender Prämie als auch Normaltarife berücksichtigt, sollte nicht nur die Beitragshöhe des Eintrittsalters 23 betrachtet werden. Für das Testmodell haben wir uns daher an gängigen Produktkonzepten für Starter-Tarife orientiert, die Beitragssprünge nach 5 und 10 jähriger Vertragslaufzeit vorsehen. Die Auswirkung dieser Sprungstellen wurde im Modell berücksichtigt. Dass sich dieses Modell noch verfeinern ließe, gestehen wir durchaus zu.

Die bedingungsseitige Qualität der Produkte wird im Test auf zwei verschiedene Weisen berücksichtigt. Zunächst einmal fließt die Ratingnote aus dem allgemeinen Bedingungsrating von Franke und Bornberg ein. Hierfür wird ein ausführlicher Kriterienkatalog untersucht, der bereits viele spezifische vertragliche Regelungen umfasst, darunter z.B. auch Klauseln zur Umorganisation. Die Zusatzkriterien sollen besonderen berufsspezifischen Aspekten ein höheres Gewicht verleihen. Sie wurden daher speziell auf den jeweiligen Musterfall und die daraus abgeleitete momentane persönliche Lebenssituation abgestimmt.

Dass sich diese Lebenssituation ändern kann, z.B. in dem ein Student nach Abschluss des Studiums eine Beschäftigung aufnimmt, ist uns wohl bewusst. Die beruflichen Möglichkeiten sind aber sehr breit gefächert. So könnte eine Studentin später selbständig sein, angestellt, Beamtin, Hausfrau, Polizistin oder auch Soldatin. Alle möglichen berufsspezifischen Regelungen im Musterfall der Studentin bereits zu berücksichtigen, halten wir jedoch nicht für zielführend und könnte im Gesamtergebnis auch die spezielle Ausrichtung auf das aktuelle Berufsprofil Student konterkarieren. Die berufsspezifische Qualität eines Produktes für andere Berufsprofile lässt sich zudem anhand eines Blickes auf die anderen Musterfälle ableiten – zumindest für Angestellte und Selbständige. Eine Nachmeldepflicht für eine Änderung der beruflichen Situation wie sie in den Anmerkungen zum Test erwähnt wird, können wir bedingungsseitig bei den heutigen Produktgenerationen nicht erkennen.

Abschließend eingehen möchten wir auf die unterschiedliche Bewertung der Wiedereingliederungshilfe für die Musterfälle Student und Bankkauffrau/-mann bei der Alten Leipziger. Hierbei handelt es sich offenbar um einen Fehler bei der Drucklegung. Unsere Bewertung erfolgte in beiden Fällen ohne Unterschied mit 100 Punkten.
Gerd Kemnitz antwortet am 15.09.2016:
Vielen Dank für Ihre Stellungnahme – überzeugen kann sie mich jedoch nicht.

Gerade weil dieser Test sowohl spezielle Starter-Tarife mit anfänglich reduzierten Prämien als auch Normaltarife mit konstanten Prämien über die gesamten 44 Jahre berücksichtigt, darf man die Durchschnittsprämie eben nicht nur aus den Prämien im ersten, sechsten und elften Versicherungsjahr ermitteln. So bevorzugt man Tarife, die bis zum 12. Jahr niedrige Prämien haben, danach aber umso höhere. Sehr schön sieht man das an der oben dargestellten Grafik. Denn bei den Starter-Tarifen mit maximaler bzw. 12-jähriger Startphase konnten Sie mit Ihrer eigenwilligen Durchschnittsprämienberechnung sogar den Minimalwert als so genannte Durchschnittsprämie in die Bewertung einfließen lassen. Die tatsächliche Durchschnittsprämie während der gesamten Vertragslaufzeit (in der Grafik rot dargestellt) ist jedoch deutlich höher und bleibt bei Ihrem Test völlig unberücksichtigt. So hatten Normaltarife keine Chance auf eine faire Bewertung! Deshalb wäre bezüglich der Bewertung der Prämien nicht nur eine Verfeinerung erforderlich – sondern eine massive Korrektur.

Wenn Sie jetzt schreiben, dass sich ein Student nicht allein am Musterfall „Jurastudent/in“ orientieren soll, sondern je nach seinen Berufszielen auch an den anderen Musterfällen Arbeitnehmer bzw. Selbstständiger, so stimme ich Ihnen zu. Leider enthält aber weder der veröffentlichte Text noch die Tabelle einen solchen mahnenden Hinweis.

Unbeantwortet blieb auch die Frage, warum eine Nachversicherungsgarantie ohne erneute Gesundheits- und Berufsrisikoprüfung nicht besser gewertet wird als eine Nachversicherungsgarantie, bei der lediglich auf eine erneute Gesundheitsprüfung verzichtet wird.

Ja – Sie haben beim Musterfall „Jurastudent/in“ auch einen Tarif mit „seht gut“ bewertet, bei dem grundsätzlich nach Abbruch des Studiums eine Nachmeldung erforderlich ist und dann aufgrund der neu ausgeübten Tätigkeit eine Anpassung der Berufsklasse und Prämie erfolgt. Da der Tarif andere Stärken hat und der Versicherer auf dessen Manko bei jedem Angebot offen und ehrlich hinweist, werde ich ihn hier nicht öffentlich diskreditieren. Und es ist ja auch nicht seine Schuld, wenn er – wie viele Starter-Tarife auch – bei diesem Test zu gut bewertet wurde.Augenzwinkern
Ich werde Sie hierüber per E-Mail informieren.

Franke und Bornberg (Christian Monke) antwortet am 18.09.2016:
Gerne möchten wir erneut kommentieren. Die Diskussion zum Thema zeigt aus unserer Sicht sehr deutlich, dass wir dasselbe Interesse haben, nämlich kundenorientiert passgenauen Versicherungsschutz für jede Zielgruppe zu identifizieren. Unseren Ansatzpunkt bzgl. der Darstellung der Prämie im Test hatten wir bereits erläutert. Bezogen auf die zusätzlichen, berufsspezifischen Aspekte konzentrieren wir uns auf die bedingungsseitig geregelten Sachverhalte. Denn diese werden zumeist nicht ausreichend wahrgenommen und sind auch oft nur im Kontext zu verstehen.

Das sogenannte „Kleingedruckte“ wird selten gelesen und ist oft schwierig zu übersetzen. Diese potentielle Intransparenz zu beseitigen, ist die Motivation unserer Bewertungen. Besondere Vereinbarungen in Anträgen oder Policen sind uns bekannt. Sie sind jedoch – was in der Natur der Sache liegt – anders als die Versicherungsbedingungen vertragsindividuelle Gestaltungen. Da solche individuellen Vereinbarungen im Antrag gesondert aufgeführt und kenntlich gemacht werden müssen, herrscht hierbei keine vergleichbare Intransparenz wie bei den Versicherungsbedingungen. Zudem können solche Aspekte je nach Gesellschaft auch kundenindividuell verhandelt werden.

Dieser Sachverhalt zeigt im Übrigen deutlich, dass für Verbraucher die Einschaltung eines qualifizierten Beraters von besonderer Bedeutung bei der Suche nach passendem Versicherungsschutz ist. Darauf weisen wir auch deutlich auf unserer Homepage hin. Denn Versicherungsbedingungen können im Antragsprozess grundsätzlich durch individuelle Regelungen ergänzt werden, was nicht immer zum Vorteil für Versicherte ist.

Andreas Vaak schreibt am 31.08.2017:
Warum die Betroffenen bei Mängeln nicht einfach mal Reue zeigen und einen Fehler zugeben? Wenn Vergleichsportale sich mit Hinweis auf Intransparenz der Bedingungen herausreden, dann ist dies arm. Aufgrund der Bedeutung einer Nachmeldepflicht und des damit verbundenen Risikos, kann dies nur zur erheblichen Abwertung führen.
Frank Dietrich schreibt am 07.10.2017:
Anstatt sich immer weiter hinein zu reiten, sollte man vielleicht mal neu beginnen. Am Anfang des Jahres sagte Herr Franke noch einer Podiumsdiskussion zu, seinen Standpunkt bei der Erstellung seiner Angaben zu erläutern. Wie wir wissen sind die Daten der Krankenversicherung aus 2014 und bei der Berufsunfähigkeitsversicherung fehlen auch sehr viele Details im Vergleichsrechner. Er weicht seit dem jeder Konfrontation aus. Man sollte versuchen nicht mehr zu "übersetzen", sondern abzubilden.
Schreiben Sie Ihre Meinung zu dieser Kritik:

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert.