Erwerbsunfähigkeitsversicherung – Alternative oder Notlösung?

erzgebirgische Handwerkskunst Wer sich vor den finanziellen Folgen des Verlustes seiner Arbeitskraft absichern möchte, findet in der Berufsunfähigkeitsversicherung den umfassendsten Schutz. Nur sie leistet monatliche Zahlungen, wenn die zuletzt ausgeübte Berufstätigkeit wegen Krankheit, Körperverletzung oder Kräfteverfalls nicht mehr ausgeübt werden kann. Alle anderen Versicherungen berücksichtigen nicht den ausgeübten Beruf oder leisten nur bei bestimmten Erkrankungen oder Körperverletzungen.

Doch die Hürden zum Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung sind inzwischen hoch. Die Versicherer haben in den letzten Jahren immer mehr Berufsgruppen eingeführt. Dadurch wurde der Schutz für Akademiker und Bürofachleute immer preiswerter – für körperlich bzw. handwerklich Tätige aber immer teurer bis unbezahlbar. Auch Vorerkrankungen führen nicht selten zu unbezahlbaren Risikozuschlägen oder sogar zur Ablehnung eines Antrags.

Die Erwerbsunfähigkeitsversicherung – eine preiswerte Alternative?

Deshalb empfehlen einige Vertreter der Versicherungsbranche den Abschluss einer Erwerbsunfähigkeitsversicherung als preiswerte Alternative, falls der umfassende BU-Schutz aus finanziellen oder gesundheitlichen Gründen nicht möglich ist. Allerdings ist der Versicherungsschutz dann sehr eingeschränkt. Eine Erwerbsunfähigkeitsrente wird i.d.R. nur gezahlt, wenn die versicherte Person überhaupt keiner Tätigkeit des allgemeinen Arbeitsmarktes mehr für mindestens 3 Stunden täglich nachgehen kann. Bei der Prüfung auf Erwerbsunfähigkeit bleiben also der bisher ausgeübte Beruf und die bisherige Lebensstellung völlig unberücksichtigt. Wenn beispielsweise ein Handwerksmeister mit seinen gesundheitlichen Beschwerden derzeit noch mindestens 3 Stunden täglich als Pförtner tätig sein könnte, werden keine Versicherungsleistungen fällig.

Unter Berücksichtigung dieses eingeschränkten Versicherungsschutzes erscheint die Erwerbsunfähigkeitsversicherung dann nicht mehr ganz so preiswert. In einem Tarif mittlerer Qualität muss beispielsweise ein 30-jähriger Dachdecker für eine versicherte monatliche Rente in Höhe von 1.500 € bis zum 65. Lebensjahr je nach Anbieter zwischen 64 € und 109 € monatlich bezahlen.

Wovon sollen die Beiträge bezahlt werden, wenn der Versicherte zunächst nur berufsunfähig wird?

Und der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Sicherlich – es gibt Krankheiten und Schicksalsschläge, bei denen die versicherte Person in kürzester Zeit aus dem Berufsleben gerissen und sofort erwerbsunfähig wird. Dann kann eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung die finanziellen Folgen mindern. Aber es gibt auch viele Krankheiten, die ganz allmählich oder in Schüben den Gesundheitszustand verschlechtern.

Wovon soll der Betroffene die Beiträge für diese Versicherung bezahlen, wenn er zunächst „nur“ berufsunfähig, aber noch nicht erwerbsunfähig geworden ist? In diesem Fall hat er zwar seinen ursprünglichen Job und sein ursprüngliches Einkommen verloren – die Beiträge müssen aber weiter in voller Höhe gezahlt werden. Häufig wird der Versicherte hierzu nicht in der Lage sein und den Versicherungsschutz zum ungünstigsten Zeitpunkt verlieren. Wenn das Fortschreiten der Erkrankung einige Jahre später aber zur Erwerbsunfähigkeit geführt hat, besteht dann kein Versicherungsschutz mehr.

Die meisten Erwerbsunfähigkeitsversicherungen sehen keine Beitragsbefreiung bei Berufsunfähigkeit vor. – Wann bessern die Versicherer nach?

Bei nahezu allen Lebens- und Rentenversicherungen bieten die Versicherer einen Zusatzbaustein „Beitragsbefreiung bei Berufsunfähigkeit“ an. Wird die versicherte Person berufsunfähig, übernimmt dann der Versicherer die weitere Beitragszahlung, so dass das Sparziel ungefährdet bleibt.

Haben die Versicherer übersehen, dass auch eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung im Falle einer Berufsunfähigkeit erhalten bleiben muss, weil sich der Gesundheitszustand des Versicherten im Laufe der Zeit noch weiter verschlechtern kann? Oder sollten die meisten Versicherer nur ein begrenztes Interesse haben, einen berufsunfähig gewordenen Versicherten weiterhin gegen Erwerbsunfähigkeit zu versichern?

Jedenfalls befinden sich derzeit kaum Erwerbsunfähigkeitsversicherungen mit Beitragsbefreiung bei Berufsunfähigkeit auf dem Markt. Dies ist sowohl für Verbraucher als auch für verantwortungsvolle Vermittler unbefriedigend. Deshalb sollten die Versicherer schnellstens nachbessern.

Auch Analysehäuser sollten bei der Bewertung von Erwerbsunfähigkeitsversicherungen ihr Rating überprüfen!

Versicherungsvertreter und -makler leben von Provisionen bzw. Courtagen und sind damit auf eine erfolgreiche Vermittlung von Versicherungen angewiesen. Insofern ist es zwar nachvollziehbar – aber nicht unbedingt lobenswert – wenn einige Vermittler aus Mangel an Alternativen auch Erwerbsunfähigkeitsversicherungen in der jetzigen Form relativ unkritisch empfehlen und vermitteln. Aber sie bekommen derzeit auch noch Rückendeckung von Analysehäusern, die Erwerbsunfähigkeitsversicherungen mit dem besten Produktrating bewerten – selbst wenn diese Tarife keine Möglichkeit der Beitragsbefreiung bei Berufsunfähigkeit bieten.

Nach meiner Ansicht geht eine solche Bewertung am tatsächlichen Kundeninteresse vorbei. Deshalb appelliere ich an alle Analysehäuser, bei der Erstellung von Ratings nicht nur die einzelnen Bedingungspunkte der aktuellen Angebote zu vergleichen, sondern auch das Kundeninteresse ausreichend zu berücksichtigen. Eine Versicherung zur Absicherung der Arbeitskraft, die ein Versicherter bei eingeschränkter Arbeitskraft (sprich: Berufsunfähigkeit) mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr bezahlen kann, hat nun wirklich keine Bestnoten verdient.

Fazit:

Wünschenswert wäre, dass sich jeder Interessent einen vollwertigen BU-Schutz in angemessener Höhe leisten kann. Dann gäbe es auch nichts dagegen einzuwenden, wenn zur Vervollständigung der Angebotspalette auch Erwerbsunfähigkeitsversicherungen mit dem Baustein „Beitragsbefreiung bei Berufsunfähigkeit“ angeboten werden.

Eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung ohne eine solche BU-Beitragsbefreiung ist nach meiner Ansicht aber keine Alternative zur Arbeitskraftabsicherung – sondern lediglich eine unbefriedigende Notlösung.

Das Problem der fehlenden Beitragsbefreiung bei Berufsunfähigkeit besteht auch bei den meisten Grundfähigkeits-, Dread-Disease- und Multi-Risk-Versicherungen! Allerdings betrachte ich diese Produkte keinesfalls als Versicherungen zur Arbeitskraftabsicherung. Denn diese Versicherungen erbringen oder verweigern die Leistungen unabhängig davon, ob die versicherte Person noch eine (Rest-)Arbeitskraft besitzt.

Stellungnahme der Swiss Life AG - Niederlassung für Deutschland vom 11.05.2016:

Ziel einer EU-Police ist es, einen einfacheren (mit Blick auf die Risikoprüfung) und günstigeren (mit Blick auf die Prämie) Zugang zur Arbeitskraftabsicherung zu verschaffen, als dies bei einer BU-Police der möglich ist. Dies gelingt durch einen Leistungsbegriff, der unterhalb dem von der BU angesiedelt ist: Anstelle der Fähigkeit, die zuletzt in gesunden Tagen ausgeübte Tätigkeit auszuüben, ist bei der EU nur noch die Fähigkeit versichert, eine Tätigkeit des allgemeinen Arbeitsmarktes auszuüben.
 
Durch Einschluss einer BUZ-B wird dieser gewollt reduzierte Leistungsumfang teilweise wieder ausgehebelt – denn bei der BUZ-B ist dann wieder der klassische Leistungsbegriff der BU mitversichert. Man hätte daher dann im Prinzip die gleiche Risikoprüfung wie bei der BU, was das Produkt komplexer macht. In der Abwicklung könnte dies auch bedeuten, dass EU angenommen wird, die Beitragsbefreiung aber nicht. Und das günstigere Prämienniveau ginge zumindest teilweise wieder verloren. Die Erreichung der ursprünglich mit einer EU-Police angestrebten Ziele würde man daher durch zusätzlichen Einschluss einer BUZ-B konterkarieren.

Statement des Continentale Versicherungsverbundes auf Gegenseitigkeit vom 13.05.2016:

Da die Erwerbsunfähigkeitsversicherung – neben der Berufsunfähigkeitsversicherung – die einzig „echte“ Alternative zur Absicherung der Arbeitskraft ist, stehen wir der Produktidee grundsätzlich offen gegenüber. Derzeit befinden wir uns in der Phase von Vorüberlegungen. Zu Bedenken ist hierbei, dass durch eine solche Regelung die Grenzen zwischen Berufs- und Erwerbsunfähigkeit weiter schwinden und die Produktabgrenzung komplizierter werden würde.

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