10.11.2013 (zuletzt aktualisiert am: 08.07.2016)

Können Sie anhand der BU-Prozessquote faire Versicherer erkennen?

gerichtliche Auseinandersetzungen bei BU-Leistungsfällen Wer eine Versicherung abschließt, erwartet von seinem Vetragspartner natürlich auch Zuverlässigkeit im Leistungsfall. Ideal wäre es, wenn es hierfür eine Kennzahl gäbe. In diesem Zusammenhang wird gelegentlich die BU-Prozessquote genannt. Aber ich muss Sie enttäuschen. Erstens ermitteln verschiedene Analysten die Prozessquoten nach unterschiedlichen Methoden und kommen damit auch zu gänzlich unterschiedlichen Ergebnissen. Und zweitens werden sie immer aus dem Durchschnitt der letzten Jahre ermittelt und stellen so eine Momentaufnahme dar. Heute noch geltende interne Richtlinien der Versicherer zur Leistungsprüfung können aber jederzeit sowohl zum Positiven als auch zum Negativen geändert werden. So lassen sich keinerlei Rückschlüsse auf das Leistungsverhalten einer Versicherungs­gesellschaft in 10, 20 oder gar 30 Jahren ableiten. Dies beweisen auch die teilweise drastischen Veränderungen innerhalb nur eines Jahres (siehe Tabelle unten).

Wesentlich wichtiger als eine unterdurchschnittliche Prozessquote sind gute Versicherungsbedingungen. Diese bleiben während der gesamten Versicherungsdauer gültig und deren Einhaltung kann man notfalls auch einklagen – die Einhaltung von Prozessquoten dagegen nicht! Und bedenken Sie auch: Ein Versicherer mit schlechten Versicherungsbedingungen kann einen Leistungsantrag viel einfacher ablehnen und muss dabei nicht einmal eine gerichtliche Auseinandersetzung oder eine schlechte Prozessquote befürchten.

Wie wird die BU-Prozessquote ermittelt?

  • Der Brancheninformations-Dienst „map-report“ setzt die durchschnittliche Anzahl der Leistungsprozesse ins Verhältnis zu den regulierten BU-Schäden.
    Dabei bleibt unberücksichtigt, ob ein Prozess berechtigt oder unberechtigt war. Aber ein Versicherer muss das Recht haben, wirklich unberechtigte Ansprüche abzulehnen – notfalls auch gerichtlich.
  • Das Analysehaus „Morgen und Morgen“ setzt die Anzahl der vom Versicherer verlorenen Prozesse ins Verhältnis zu den vom Versicherer abgelehnten Leistungsfällen.
    Allerdings werden nur ca. 10% der BU-Leistungsprozesse vom Versicherer verloren. Mit 52% deutlich höher ist dagegen die Anzahl der Prozesse, die mit einem Vergleich enden. Hierzu vertritt das Analysehaus jedoch die Auffassung, dass vor Gericht vereinbarte Vergleiche weder gut noch schlecht sind und berücksichtigt solche Vergleiche nur anteilig. Ob ein Betroffener dies auch so sieht, wenn er erst nach jahrelangem Rechtsstreit im Rahmen eines Vergleichs nur einen Teil der ursprünglich vereinbarten BU-Rente erhält, würde ich jedoch bezweifeln.

Interessanterweise ergeben sich durch diese unterschiedliche Berechnungsweise auch teilweise völlig gegensätzliche Ergebnisse. So kann sich nahezu jeder Versicherer eine Variante zur Werbung aussuchen, bei der er im Vergleich zu seinen Mitbewerbern günstig abschneidet.

Was verschweigt uns die so ermittelte BU-Prozessquote?

Zweifellos werden nach einem Versicherungsfall die meisten BU-Leistungsanträge schnell und zur Zufriedenheit der Betroffenen bearbeitet. Aber wenn es im Leistungsfall zu Streitigkeiten zwischen Versicherungsnehmer und Versicherungs­gesellschaft kommt, dann kann sich ein Prozess auch über Jahre hinziehen. Wie werden also Prozesse gewertet, die in der ersten Instanz vom Versicherungsnehmer gewonnen wurden – nun aber auf Betreiben des Versicherers in die nächste Instanz gehen? Wie berücksichtigt die BU-Prozessquote, wenn ein Versicherer nach jahrelangem Rechtsstreit eine drohende Niederlage schnell noch durch einen Vergleich abwendet? Dürfen solche Vergleiche wirklich als „weder gut noch schlecht“ betrachtet werden?

Wie viele Versicherte verzichten auf eine gerichtliche Auseinandersetzung, weil die Aussicht auf Erfolg wegen einer verbraucherunfreundlichen Klausel in den Versicherungsbedingungen gering ist? Ein solcher Verzicht macht zwar den Tarif nicht besser, trägt aber durchaus zur Verbesserung der Prozessquote bei.

Viele Versicherungsgesellschaften vereinbaren in ihren Versicherungsbedingungen, dass Sie in bestimmten Fällen auch ein zeitlich befristetes Anerkenntnis ihrer Leistungspflicht aussprechen können. Wie berücksichtigt die BU-Prozessquote, wenn die Leistung zunächst befristet anerkannt wurde und es erst nach Ablauf dieser Frist zu Streitigkeiten kommt?

Wie beeinflusst der Versicherungsbestand die BU-Prozessquote?

Sowohl das Alter als auch die Zusammensetzung der BU-Verträge im Bestand eines Versicherers haben einen enormen Einfluss auf die BU-Prozessquote.

  • Wenn eine Versicherungsgesellschaft jahrelang über seinen Strukturvertrieb Lebensversicherungen mit BUZ-Minirenten oder lediglichen BUZ-Beitragsbefreiungen vermittelte, dann wird es bei diesen BU-Leistungsfällen naturgemäß nur wenige Prozesse geben. Für das Unternehmen ist es ökonomischer, diese geringen Leistungsansprüche anzuerkennen, als sie mittels kostenintensiver Gutachten abzulehnen. Das wirkt sich positiv auf die Prozessquote aus – bedeutet aber nicht, dass dieser Versicherer bei einem Leistungsantrag größerer Ordnung genauso handelt.
  • Hat eine Gesellschaft jahrelang BU-Versicherungen mit ungünstigen Versicherungsbedingungen (z.B. mit dem Recht auf abstrakte Verweisung oder vielen Leistungsausschlüssen) angeboten, dann muss der Versicherungsnehmer häufiger eine Leistungsablehnung auch ohne Prozess akzeptieren. Oder würden Sie eine aussichtslose Klage gegen den BU-Versicherer einreichen? Jede Leistungsablehnung ohne (verlorenen) Prozess verbessert aber die BU-Prozessquote.
  • Ähnliches gilt, wenn ein Versicherungsunternehmen einen relativ jungen Versicherungsbestand hat. Bei BU-Fällen innerhalb der ersten 5 Jahre nach Vertragsabschluss kann der Versicherer unter bestimmten Voraussetzungen schon bei einer fahrlässigen Verletzung der vorvertragliche Anzeigepflicht die Leistungen verweigern. Bei Vorsatz oder Arglist verlängert sich diese Frist auf 10 Jahre. Da die vorvertragliche Anzeigepflicht aber leider noch nicht von allen Antragstellern ernst genug genommen wird, treten gerechtfertigte Leistungsablehnungen bei jungen Beständen folglich öfters auf. Demzufolge sollte die BU-Prozessquote bei Versicherungs­gesellschaften mit jungen Beständen normalerweise niedriger sein, als bei Gesellschaften mit älteren Vertragsbeständen.

Diese Aufzählung ist beispielhaft und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Aber sie verdeutlicht, dass man aus einer einzigen Zahl kaum auf das Prozess- bzw. Leistungsverhalten einer Versicherungs­gesellschaft schließen kann. Trotzdem wollen wir Ihnen die Prozessquoten bei BU-Leistungsfällen nicht vorenthalten.

BU-Prozessquoten (Quelle: Morgen und Morgen):

Gesellschaft BU-Prozessquote
Stand: 04/2015
BU-Prozessquote
Stand: 04/2016
Allianz 1,10 % 1,21 %
Alte Leipziger 1,40 % 1,49 %
AXA 1,48 % 1,46 %
Barmenia 2,14 % 1,92 %
Condor 14,94 % 6,49 %
Continentale 1,18 % 0,99 %
Dialog 0,00 % 0,00 %
die Bayerische 2,23 % 0,00 %
Gothaer 0,00 % 1,17 %
Hannoversche Leben 8,15 % 3,70 %
HDI 1,11 % 1,45 %
HUK24 3,31 % 5,25 %
InterRisk 0,00 % ???
LV 1871 1,75 % 1,97 %
Nürnberger 1,97 % 2,21 %
Stuttgarter 1,20 % 0,79 %
Swiss Life 0,72 % 0,16 %
UniVersa ??? ???
Volkswohl Bund 1,73 % 2,09 %
Württembergische 3,09 % 4,44 %
WWK 1,40 % 1,95 %
Zurich 2,43 % 2,24 %


Aber wie gesagt, deutlich wichtiger als eine unterdurchschnittliche Prozessquote sind erstklassige Versicherungsbedingungen. Lassen Sie sich doch vom Vermittler Ihres Vertrauens nicht nur die Vorteile – sondern auch einmal die Nachteile des von ihm vorgeschlagenen Tarifs sagen und im Beratungsprotokoll festhalten.Augenzwinkern

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